Kirche und Politik: Wo liegen die Grenzen?
Christlicher Auftrag, reformatorische Tradition und die deutsche Geschichte prägen das Verhältnis von Kirche zu politischen Äußerungen. Es gilt abzuwägen zwischen Verantwortung und parteipolitischer Einmischung.
Die einen ärgern sich darüber, dass Kirche sich zu aktuellen politischen Fragen äußert; die anderen wünschen sich von ihr deutlich mehr kritische Stellungnahmen. Was aber entspricht eigentlich dem christlichen Auftrag?
Der christliche Auftrag: für den Menschen
Die Aufgabe der christlichen Kirchen ist die Weitergabe der frohen Botschaft von Jesus Christus: Jeder Mensch ist ein geliebtes Geschöpf Gottes. Menschen untereinander sollten sich deshalb in Nächstenliebe und Barmherzigkeit üben. Gott möchte, dass wir auf ihn vertrauen, dass wir ohne Hass, in Frieden leben und uns nicht fürchten müssen.
Glaube und Politik haben unterschiedliche Aufgaben
In der erlösten Welt, auf die Christinnen und Christen hoffen, wird dies alles erfüllt sein. In der unerlösten Welt, in der wir leben, gelingt uns das nicht immer. Martin Luther hat daraus seine „Zwei-Reiche-Lehre“ abgeleitet: Im „Reich Gottes“ bewirkt der Heilige Geist völlige Rechts- und Gewaltfreiheit, vollkommene Nächsten- und Feindesliebe. Im „Reich der Welt“ dagegen ist eine politische und rechtliche Ordnung nötig, um das Zusammenleben der Menschen zu regeln.
Die Grenzen von kirchlicher Macht und staatlicher Macht
Diese weltliche Obrigkeit soll frei und ungehindert von kirchlicher Einmischung ihr Amt ausüben und sich umgekehrt aus kirchlichen Dingen heraushalten. Nach Luthers Überzeugung waren die Herrscher des mittelalterlichen Ständestaats, auf den er sich bezog, von Gott eingesetzt – aber Gott gegenüber auch verantwortlich. Wenn ein Herrscher klar gegen Gottes Gebot verstößt, hat das Gebot Vorrang. Diese Auffassung setzte sich geschichtlich gegen den sozialrevolutionären Flügel der Reformation durch, der das Reich Gottes, notfalls mit Gewalt, bereits auf Erden verwirklichen wollte. Thomas Müntzer beispielweise war gleichzeitig Pfarrer und Anführer von Bauernaufständen. Dieser Weg erwies sich als Sackgasse.
Was die Kirche aus ihrem Versagen gelernt hat
Aber auch Luthers Zweiteilung stieß an ihre Grenzen. Die Zeit des Nationalsozialismus hat gezeigt, wohin es führen kann, wenn man die Zwei-Reiche-Lehre darauf verengt, dass die weltliche Ordnung von Gott gewollt ist. Mit viel zu wenigen Ausnahmen haben Kirchenleitende die Machtergreifung des Terrorregimes unterstützt, seinen Kriegen und Morden keinen Widerstand geboten.
Aus dieser schmerzlichen und beschämenden Erfahrung haben die Kirchen gelernt. Die EKD bekennt sich in ihrer Grundordnung zur Barmer Theologischen Erklärung von 1934, die einen klaren Maßstab für das christliche Leben formuliert.
Jesus und seiner Kirche geht es um den Menschen
Das Besondere an den Erzählungen über das Leben Jesu ist seine Perspektive: Er hat immer zuerst den einzelnen Menschen gesehen, der in Not ist – den Kranken, Ausgestoßenen, Hungernden, Armen, Andersgläubigen, Gefangenen, Angeklagten, die an den Rand gedrängten Frauen und Kinder. Seine Kritik an den Verhältnissen war seine Praxis: Er wurde selbst tätig, ergriff Partei, minderte Leid. Nächstenliebe war für ihn keine Theorie, sondern eine Handlungsmaxime. Diese Haltung ist für die Kirchen heute noch ein Vorbild. Hätten Sie gedacht, dass in der Diakonie 35-mal mehr Menschen hauptamtlich arbeiten als im sogenannten Verkündigungsdienst (Pfarrpersonen)? Wir reden nicht über Politik, wir reden über und mit Menschen. Vor allem aber handeln wir.
Warum sich Kirche heute politisch äußert
Auf dieser Basis und mit den Erfahrungen aus zwei deutschen Diktaturen entwickelte die EKD 1985 ihre Demokratie-Denkschrift. Sie betont die besondere Verantwortung von Christinnen und Christen in einem demokratischen Staat. Deshalb äußert sich Kirche auch zu politischen Fragen – besonders dort, wo Menschenwürde und Frieden bedroht sind.
Auf der EKD-Themenseite „Kirche und Politik“ ist noch einmal zusammengefasst, warum sich die evangelische Kirche zu politischen Fragen äußert.
Text: Frank Hofmann, VELKD