„Ich möchte, dass es ein Syrien für alle wird“

Die junge Christin Luban baut am neuen Syrien

Luban ist 21 und studiert Architektur in Damaskus. In der Sonntagsschularbeit ihrer Gemeinde ist sie seit vielen Jahren aktiv. Dass sie Kindern etwas für‘s Leben mitgeben kann, gibt ihr Halt in einem Land, das viele Christen längst verlassen haben.

Luban studiert Architektur und engagiert sich als Sonntagsschullehrerin in Damaskus
Engagiert sich für Kinder- und Jugendarbeit in ihrer Gemeinde: Luban ist 21 und studiert Architektur in Damaskus.

Der Regimewechsel im Dezember 2024 war für Luban ein Schock. „Ich dachte, dass Syrien nie wieder so sein wird wie früher, dass ich hier nicht mehr leben kann“, erzählt die junge Frau an einem Donnerstagmorgen Ende Januar im Foyer eines Gästehauses in Damaskus. Es ist noch zu früh, um sich in einem Café in der Altstadt zu treffen. In den ersten Monaten habe sie nur noch weggewollt. Ihren Freunden sei es genauso gegangen. Doch sie war im dritten Studienjahr und wollte ihren Abschluss in Syrien machen. Sie blieb.

Direkt nach dem Machtwechsel kursierten Flugblätter an der Uni, auf denen stand, dass man jetzt alle Christen töten werde. Inzwischen habe sich der Ton aber geändert. „Jetzt wollen sie der Welt zeigen, dass sie kein Problem mit uns Christen haben. Sie müssen beweisen, dass sie es schaffen, das Land zu führen.“ Mit erstaunlich ruhiger und freundlicher Stimme spricht Luban über ihre Heimat, in der nicht nur Christen sich unsicher fühlen.

Keiner weiß derzeit in Syrien, in welche Richtung die neue Regierung aus ehemaligen Islamisten die Gesellschaft entwickeln will, ob sie ihre Versprechen von Vielfalt und Freiheit einhalten wird, oder ob bald die Regeln eines islamischen Staates das Miteinander bestimmen werden. Jede offizielle Äußerung, jede Aktion und jedes neue Gesetz wird sofort kontrovers diskutiert. Es ist ein bisschen wie Kaffeesatzleserei. Die einen sehen Syrien auf einen Abgrund zusteuern, die anderen wollen die Hoffnung nicht aufgeben, machen ihr Ding und warten mehr oder weniger gelassen ab, was noch alles kommt.

So auch beim jüngst in der Region Latakia erlassenen Gesetz, dass Frauen, die im öffentlichen Raum etwas verkaufen, sich nicht mehr schminken sollen. Manche sehen darin einen weiteren Schritt in Richtung eines islamischen Staates. Andere lachen darüber und greifen sich an den Kopf. Auch Luban findet das Gesetz verrückt. Beirren lässt sie sich davon aber nicht. „Ich denke, das wird so laufen wie mit der Fahne an der Uni. Dort hatten sie gleich nach dem Regimewechsel ihre Fahne gehisst. Nach einer Woche haben sie sie wieder abgenommen, weil die Kritik daran zu laut wurde.“ Sie gehe davon aus, dass auch das Anti-Make-up-Gesetz in einigen Wochen wieder gekippt wird.

Luban stammt aus einer gut situierten, gebildeten Familie, in der es dazu gehört, dass man andere mit Respekt behandelt und sich selbst für die Gemeinschaft einbringt. Als Kind habe sie immer für die Armee und den Präsidenten gebetet, weil sie glaubte, dass sie sie schützen würden, erzählt sie. Heute wisse sie um die schwarzen Seiten des früheren Regimes. Sie sei aber froh, dass ihre Eltern sie damals in dem Glauben gelassen hätten, dass die Welt in Ordnung ist, und ihr nicht alles, was sie selbst über das Regime wussten, erzählt hätten. So konnte sie ein Grundvertrauen in das Leben bekommen. „Wenn ich als Kind gewusst hätte, was ich heute weiß, wäre ich wahrscheinlich verbittert und hätte irgendwann zu hassen gelernt“, sagt sie.

Das erste Wort ihres Bruders war „Bombe“ gewesen

Die Kinder, die heute in Syrien aufwachsen, hätten es da viel schwerer als sie. An ihrem sechs Jahre jüngeren Bruder könne sie den Unterschied schon sehen. Er wurde kurz nach Ausbruch des Krieges 2011 geboren. Sein erstes Wort, das er sagen konnte, sei „Bombe“ gewesen. „Ich bin in einer geschlossenen Gesellschaft aufgewachsen. 15 Jahre hat man uns erzählt, dass alles Böse in Syrien von außen reingetragen werde. Heute weiß ich, es kommt auch von innen.“ Und davon, dass viele in Syrien nicht damit umgehen können, dass der andere anders ist.

Die syrische Gesellschaft ist wie ein Mosaik aus verschiedenen Einzelteilen, von denen viele eine ähnliche Farbe haben, andere aber im Kontrast zu diesem Farbton stehen. Christen, Kurden, Drusen und Alawiten sind nun mal anders als die sunnitisch-muslimische Mehrheit in Syrien. Und gegenüber jeder Gruppe gibt es Vorurteile. Die Drusen im Süden werden gerne pauschal als „Agenten von Israel“ bezeichnet, weil in Israel viele Drusen leben und das Nachbarland zu den syrischen Drusen einen besonderen Kontakt hat. Alawiten stehen dagegen für all das Schlechte, das vorher war, weil die Familie Assad, die sich mehr als 50 Jahre lang durch brutale Unterdrückung an der Macht halten konnte, aus der alawitischen Glaubensgemeinschaft stammt. Den Kurden wiederum wird Separatismus vorgeworfen, sodass manche sagen, Kurden seien eigentlich gar keine richtigen Syrer.

Und die Christen? Sie sind dafür bekannt, dass sie im Gegensatz zu den anderen Minderheiten keine eigenen Milizen haben, jegliche Gewalt ablehnen und im Zweifelsfall zu allem schweigen. Vielleicht ist das derzeit noch das beste Vorurteil, das eine starke Mehrheit über eine schwache Minderheit haben kann. Den Christen wird nicht zugetraut, dass sie gefährlich werden können. „Viele Muslime sagen, wir hätten Geschmack, arbeiten hart und setzen uns immer für die gesamte Gesellschaft ein. Sie finden es gut, dass wir unser Land lieben und wollen nicht, dass wir gehen“, sagt Luban, die heute mehr denn je einen Sinn darin sieht zu bleiben. „Ich glaube, dass wir Christen genau jetzt eine sehr wichtig Rolle für das Land spielen können. Wir können dazu beitragen, dass das Land wieder ins Gleichgewicht kommt.“ Sie selbst möchte jedenfalls kein Syrien nur für Christen oder nur für Alawiten. „Ich möchte, dass es ein Syrien für alle wird.“

Und dazu trägt sie schon seit längerem bei, und zwar in der Sonntagsschule ihrer Gemeinde, der Nationalen Evangelischen Kirche im Altstadtviertel Bab Tuma. Jeden Freitagnachmittag betreut sie zusammen mit zwei anderen Mitarbeiterinnen rund 50 Kinder zwischen sieben und elf Jahren. Sie kommen aus christlichen, sunnitischen, alawitischen, drusischen und kurdischen Familien. Dass zur Sonntagsschule Andachten und Bibelarbeiten gehören, stört diese offenbar nicht. Die Eltern wissen, dass das bei den Christen so üblich ist. Und neben den religiösen und spirituellen Inhalten wird in der Sonntagsschule auch viel gespielt, man macht Sport, bastelt und geht manchmal auch gemeinsam in einen Freizeitpark. Die Kirche bietet eine attraktive Jugendarbeit an.

Es geht aber noch um mehr. „Wir haben ein Programm, das wir ‚Mein Herz in deinen Händen‘ nennen“, erzählt Luban. Dabei gehe es darum, die eigenen Emotionen besser zu verstehen: Neid, Angst, Ärger, Liebe, Reue, Bedauern – einfach alles, was Kinder genauso empfinden können wie Erwachsene, womit sie oft aber nicht umgehen können. „Wir erklären den Kindern, dass Gefühle zu uns Menschen dazu gehören, dass sie ihre Emotionen nicht unterdrücken sollen, sondern sie zulassen sollen. Nur so können sie sie überwinden und zum Beispiel Gott anvertrauen.“

„Solange ich den Eindruck habe, dass ich hier etwas bewegen kann, bleibe ich.“

Luban Jarjour

In einem Land wie Syrien haben Kinder psychosoziale Unterstützung besonders nötig. Denn über die sozialen Medien bekommen sie alles mit, was an Schrecklichem in ihrem Land, aber auch in der ganzen Region passiert. „Die Kinder sprechen uns auf Gaza an, sie reden über all die Gewalt hier, darüber was in jüngster Zeit mit Drusen oder Alawiten geschehen ist. Sie wollen dann in der Andacht für diese Menschen beten. Das berührt mich sehr.“

Dass es eine Weile brauchen wird, bis ein neues Syrien Gestalt annimmt, ist Luban bewusst. „Wir haben gesehen, dass man in 15 Jahren eine Gesellschaft ruinieren kann. Jetzt wird es noch einmal so lange dauern, bis eine neue Generation herangewachsen ist.“ Doch genau um diese neue Generation geht es in der Sonntagsschule. „Unsere Zielgruppe sind die Kinder. Sie sollen verstehen, dass es auf sie ankommt.“

Und wer eine neue Generation aufbauen will, muss beim einzelnen Kind anfangen. So wie der neunjährige Junge, der in der Sonntagsschule mit anderen Kindern ständig Streit gesucht, andere gemobbt und geschlagen habe. „Wir haben mit ihm gearbeitet und ihm erklärt, dass Gewalt keine Lösung ist“, erzählt Luban. Irgendwann habe er das verstanden. Selbst die Mutter sei begeistert gewesen von der Veränderung ihres Sohnes.

Und Luban selbst? Oder ihr Bruder, der jetzt 15 ist? „Ich würde meinem Bruder raten, zu gehen und woanders zu studieren, wo es sauber ist, wo Frieden herrscht und wo man sich gegenseitig respektiert“, sagt sie. Nur in einem solchen Kontext könne ein Grundvertrauen in das Leben wachsen. „Und dann soll er mit diesen Erfahrungen wieder zurückkommen.“ Auch sie sieht sich nicht ein Leben lang in Syrien, nicht, weil sie an ihr Land nicht glaubt, sondern weil sie für sich auch Neues entdecken will. „Solange ich aber den Eindruck habe, dass ich hier etwas bewegen kann, bleibe ich.“

Katja Dorothea Buck ist Fachjournalistin für religiöse Minderheiten und Religionsfreiheit im Nahen Osten.
Sie hat Luban Jarjour Ende Januar in Damaskus getroffen.