Soziologe Vogel zur WM: „Fußball verbindet, weil er polarisiert“
Die Fußball-WM 2026 in Kanada, Mexiko und den USA startet am 11. Juni. Die Begeisterung hierzulande hält sich in Grenzen. Kein Wunder, meint der Soziologe Berthold Vogel und kritisiert Bundestrainer Julian Nagelsmann. Auch die Weltlage stehe einem neuen Sommermärchen entgegen.
Der Göttinger Soziologieprofessor Berthold Vogel sieht im Fußball noch immer die globale Sportart schlechthin. Sie habe sich trotz korrupter Sponsoren und fragwürdiger Geschäftspraktiken auch der FIFA als resilient erwiesen, sagte Vogel dem Evangelischen Pressedienst (epd). Der Geschäftsführende Direktor des Soziologischen Forschungsinstituts Göttingen begrüßte deshalb auch die erweiterte Zahl teilnehmender Länder. Zugleich kritisierte Vogel den deutschen Bundestrainer und hält eine Neuauflage des Sommermärchens von 2006 für unwahrscheinlich.
Die jüngsten Fußball-Großereignisse waren aus deutscher Sicht nicht sehr erfolgreich. Auch schien der Funke der Begeisterung, sofern er denn in den Stadien spürbar war, nicht so recht auf die Bevölkerung in Deutschland überzuspringen. Woran könnte das aus Ihrer Sicht liegen?
Berthold Vogel: Die vergangenen zwei Weltmeisterschaften blieben deutlich hinter den Erwartungen zurück, während die Heim-EM im vorletzten Jahr durchaus gut lief. Dort wurden Erwartungen geweckt, auch vom aktuellen Bundestrainer Julian Nagelsmann, die nicht erfüllt werden konnten. Mit Verlaub: Der Bundestrainer erinnert an den aktuellen Bundeskanzler Friedrich Merz - viele Versprechungen, teils auch große Töne, aber bislang wenig Ertrag. Das Misstrauen in die Nationalmannschaft ist ähnlich hoch wie das Misstrauen in die Regierung.
Und dann werden noch die eigenen Leute wie im Falle des Torwarts Oliver Baumann oder des sehr beliebten Stürmers Deniz Undav vor laufenden Kameras brüskiert. Kurzum, dass der Funke nicht überspringt, liegt auch an der Führung der Nationalmannschaft. Aber wir wissen ja, das kann sich schnell ändern.
Woran liegt es, dass Fußballspiele und -stadien trotz der zunehmenden Kommerzialisierung noch immer eine solche Anziehungskraft auf die unterschiedlichsten Menschen in unserer Gesellschaft auslösen?
Vogel: Fußball ist die globale Sportart schlechthin. Das Interessante ist: Fußball integriert und schafft Zusammenhalt, weil er polarisiert. Trotz nationaler oder clubbezogener Vorlieben gibt es doch eine gemeinsame Leidenschaft für das Spiel, Begeisterung für tolle Tore, für elegante Spieler und für Drama auf dem Platz. Und jedes Spiel, jede Schiedsrichterentscheidung, jede Aufstellung bietet Gesprächsstoff. Der Fußball ist ja als Spiel auch recht einfach nachzuvollziehen und überall spielbar. Er ist nicht totzukriegen, nicht durch die FIFA, nicht durch korrupte Sponsoren, nicht durch fragwürdige Geschäftspraktiken. Fußball ist resilient, um ein Modewort dieser Tage zu bemühen.
In Ländern wie Mexiko oder Brasilien ist Fußball noch viel mehr als in Deutschland ein Ereignis, das die Menschen elektrisiert. In Ländern wie den USA oder Kanada spielt er dagegen eher eine untergeordnete Rolle. Was sind die Gründe?
Vogel: USA und Kanada sind sportverrückt, aber sicher nicht fußballverrückt. Sie haben andere starke Sporttraditionen, die den Fußball viele Jahrzehnte im Hintergrund gehalten haben, zum Beispiel Basketball oder Eishockey. Dennoch dürfen wir nicht übersehen, dass beide Länder schon lange keine Bastion des Fußball-Desinteresses mehr sind. Fußball hat in Nordamerika mächtig aufgeholt. Die Stadien in den USA und Kanada, sowieso in Mexiko, werden am Ende voll sein.
In der Öffentlichkeit brüskiert
Über das Sommermärchen 2006 wird gerade jetzt wieder viel geschrieben und geredet. Was waren die wichtigsten Zutaten damals und wie könnte ein Sommermärchen 2026 aussehen?
Vogel: Das ist nicht wiederholbar. Die WM war 2006 im eigenen Land, die Mannschaft hatte einen sympathischen Trainer, der keine Spieler in der Öffentlichkeit brüskierte. Die Spieler hatten eine Solidität, die hierzulande durchaus geschätzt wird. Es war eine eingespielte Mannschaft mit Identifikationsfiguren. Hinzu kommt, dass es seinerzeit noch keine Social Media gab. Sie sind permanente Bewertungsmaschinen, die, um in der Fußballsprache zu sprechen, nicht mannschaftsdienlich sind. Social Media postet doch jeden Ansatz eines Sommermärchens in Grund und Boden. Aber noch entscheidender: Die Weltlage und das gesellschaftliche Klima waren ganz andere. Wir haben eine Pandemie hinter uns, die Nachrichtenlage wird von Kriegen und Diktaturen bestimmt. Die Sorge vor der Zukunft dominiert, die Politik ist polarisiert. Und das Ausrichterland USA hat ja hierzulande im Moment auch eher ein schlechtes Image.
Erstmals nehmen kleine Länder wie Curacao und Kap Verde an der WM teil. Dort ist die Euphorie groß, weil allein die Teilnahme als riesiger Erfolg angesehen wird. Sind das belebende Elemente für ein höchst kommerzielles Großereignis?
Vogel: Ja, absolut. Und diese Länder sind eben der Beleg, dass wir es beim Fußball mit der globalen Sportart schlechthin zu tun haben. Daher kann ich die Klage gar nicht nachvollziehen, dass es zu viele Mannschaften und Spiele sind. War es denn besser, dass früher Europa alles dominierte, ergänzt um Lateinamerika? Die, die sich jetzt so kritisch gegen das Drei-Länder-Turnier mit sehr vielen Mannschaften ereifern, sind vermutlich dieselben, die ansonsten politisch den Eurozentrismus beklagen. Mich jedenfalls freut es, dass heute sehr viel mehr als früher die ganze Welt bei diesem Fußballturnier sichtbar wird.
Interview: Martina Schwager (epd)