Fasten

Fasten bedeutet, freiwillig für eine gewisse Zeit auf etwas zu verzichten.

Fasten bedeutet, freiwillig für eine gewisse Zeit auf etwas zu verzichten. Meistens geht es dabei um den Verzicht auf Essen und Trinken. In der Bibel fasten Menschen zum einen als Ausdruck von Trauer und Sühne, zum anderen zur Vorbereitung auf eine Begegnung mit Gott. Beides hat sich in der Tradition der Kirche fortgesetzt. Im Mittelalter wurde das Fasten zu einer Bußhandlung, die zum Teil verordnet wurde. Martin Luther und die Reformatoren wandten sich gegen diese Art von Buße, und so war das Fasten in den evangelischen Kirchen lange unüblich. Heute entdecken evangelische Christinnen und Christen das Fasten neu: als eine Möglichkeit, eine spirituelle Zeit zu gestalten, um Gott zu begegnen.

In der Bibel fasten Menschen als Zeichen ihrer Trauer. Sie wollen mit dem Verzicht auf Nahrung zeigen, dass sie mit einem verstorbenen Menschen auch einen Teil von sich selbst verloren haben. So fastet David nach dem Verlust seines Heerführers Ahab (2 Sam 3,35) und das ganze Volk nach dem Verlust von König Saul (1 Sam 31,13). Wenn in biblischer Zeit Menschen als Zeichen ihrer Schuld fasteten, dann wollten sie zeigen, dass sie sich als Menschen gegenüber Gott bewusst zurücknahmen und ihr Leben wieder in Ordnung bringen wollten. Zum Beispiel fastete David, nachdem er Ehebruch begangen hatte (2 Sam 12,13–25). Menschen fasteten auch als Vorbereitung auf die Begegnung mit Gott, zum Beispiel Mose, bevor er von Gott die Zehn Gebote empfing (Ex 34,28), und Elija, bevor Gott ihm erschien (1 Kön 21,9). Auch im Neuen Testament kommt das Fasten vor: Jesus fastete, als er in der Wüste auf die Probe gestellt wurde (Mt 4,1–11). Seine Jünger jedoch sollten nicht fasten, da die Zeit seines Wirkens eine Freudenzeit war, in der kein Raum für Trauer war und damit auch kein Raum für das Fasten (Mt 9,14–17[KC7] ). In der Apostelgeschichte ist dann wieder vom Fasten die Rede. Demnach fasteten die ersten Christen vor der Aussendung von Missionaren (Apg 13,1-3[KC8] ) und vor der Einsetzung von Ältesten (Apg 14,23).

Lange herrschte das Verständnis vor, mit Fasten könne man nicht nur für seine Sünden büßen, sondern sich auch ein besonderes Verdienst erarbeiten. Viele Menschen gingen zum Beispiel in Klöster, um freiwillig asketisch zu leben. Sie versprachen sich davon eine intensivere spirituelle Erfahrung und eine besondere Stellung bei Gott. Gegen all das wandte sich Martin Luther in der Reformation mit dem Argument, dass der Mensch sich die Gnade Gottes nicht erarbeiten könne. Die frohe Botschaft des Evangeliums sei es, dass der Mensch die Gnade Gottes geschenkt bekomme (Rechtfertigung).

Frei von dem Gedanken, Gott etwas schuldig zu sein, nutzen heute viele Menschen die Fastenzeiten im Kirchenjahr, um sich bewusst für Gott zu öffnen. Die Passions- und die Adventszeit sind die zwei wichtigsten christlichen Fastenzeiten. Sie liegen vor den zwei großen christlichen Festen: Ostern und Weihnachten. Viele Christinnen und Christen wollen sich auf diese Feste besonders vorbereiten. Sie verzichten dann auf Süßigkeiten oder Alkohol – nicht um sich dadurch zu bestrafen, sondern um „Platz für Gott“ zu schaffen. Außerdem gibt es Fastenaktionen wie „7 Wochen Ohne“ oder „Der andere Advent“. Bei diesen Aktionen geht es nicht darum, auf Nahrungsmittel zu verzichten, sondern Menschen beschäftigen sich – mit Texten und in Andachten – damit, was ein gutes Leben verhindert beziehungsweise was es fördert.

Weiterführende Inhalte und Links

  • Fragen

    Warum ist Fasten in der evangelischen Kirche wieder „in“?

    Antwort: Fasten bedeutet, zur Besinnung zu kommen, aus dem Alltagstrott auszubrechen, Raum für einen Neuanfang zu schaffen. Christinnen und Christen entdecken den alten Begriff „Umkehr“ neu, frei von dem Zwang der Kirche, frei von der Angst vor einem strafenden Gott, als eine Möglichkeit, wieder auf die Spur zu kommen oder dem Leben eine neue Richtung zu geben.

    Für Veränderung und Erneuerung stehen auch die zwei großen kirchlichen Feste, denen die Fastenzeiten vorangehen: An Weihnachten feiern Christinnen und Christen Jesu Geburt. Sie feiern, dass Gott auf die Welt zu den Menschen gekommen ist. Mit seinem Kommen verändert er das Leben auf der Welt und gibt den Menschen neue Hoffnung. An Ostern feiern Christinnen und Christen die Auferstehung Jesu. Sie feiern, dass das Leben nicht zu Ende ist, sondern neu beginnt. Mit seiner Auferstehung erneuert Jesus das Leben nicht erst nach dem Tod, sondern schon dort, wo Menschen zum Beispiel Leid und Gewalt überwinden.

  • Diskussion

    Die Praxis des Fastens gibt es in nahezu allen Kulturen und Religionen. Oft spielt der Aspekt der körperlichen und seelischen Reinigung eine wichtige Rolle. In dieser Form wird es unter dem Stichwort „Heilfasten“ auch in nichtreligiösen Zusammenhängen praktiziert. Die Muster sind aber über fast alle Kontexte ähnlich. Indem man sich reinigt, will man böse Mächte abwehren (1 Petr 5,8) oder hofft auf einen anderen Bewusstseinszustand und auf Visionen oder Erkenntnisse, wie es zum Beispiel viele Mönche tun, die asketisch leben. Besonders in der christlichen Tradition spielt die innere Reinheit vor wichtigen Ereignissen eine Rolle, die mit der Begegnung mit Gott oder dem Empfangen eines besonderen Auftrags zu tun haben. So berichtet zum Beispiel die Apostelgeschichte, dass Paulus vor seiner Taufe fastete, so wie Missionare und deren Gemeinden vor der Aussendung eines Missionars oder Geistliche vor ihrer Ordination fasteten (Apg 9,9.19Apg 13,2f; Apg 14,23). Die Reinigung steht für das Loswerden von alten Dingen, die einen belasten, und für das Offenwerden für Neues und für Veränderung. Allerdings sollten Menschen, die längere Zeit auf Essen und Trinken verzichten möchten, unbedingt die Hinweise von Ärzten beachten, denn nicht für jeden Menschen ist zum Beispiel ein längerer Verzicht auf Nahrung gesund.

  • Links