Reformation

Die Reformation war eine europäische Erneuerungsbewegung.

Die Reformation war eine religiöse Erneuerungsbewegung im 16. Jahrhundert, die sich über ganz Europa erstreckte. An ihrer Spitze standen Personen wie der Augustinermönch und Theologieprofessor Martin Luther. Er löste diese Bewegung aus, als er sich gegen missbräuchliche Praktiken in der Kirche wandte. Er wollte die Kirche reformieren, also erneuern. Er wollte die Kirche nicht spalten. Einmal angestoßen, ließ sich die Bewegung nicht mehr stoppen.

Martin Luther wurde am 10. November 1483 als Sohn von Hans und Margarete Luder in Eisleben geboren. Er war das achte von neun Kindern. Sein Vater war Besitzer einer Mine und Ratsherr. Zwischen 1501 und 1505 absolvierte Luther an der Universität von Erfurt die akademische Grundausbildung. Dem Wunsch des Vaters entsprechend nahm er das Jurastudium auf, das er allerdings schon sehr bald beendete. Auf dem Rückweg von einem Besuch bei den Eltern geriet der junge Student in ein Gewitter. In Todesangst gelobte er, Mönch zu werden. Nur zwei Wochen später trat er dem Orden der Augustiner-Eremiten in Erfurt bei. Als Bruder Martin führte er ein strenges Mönchsleben. Er wurde 1507 zum Priester geweiht und nahm schließlich das Theologiestudium auf. Seinen Doktortitel erwarb er 1512 in Wittenberg, wo er bis zu seinem Tod als Theologieprofessor wirkte.

Als Mönch fühlte er sich sündig und schuldig vor Gott und wollte seinen himmlischen Richter gnädig stimmen. Während seines Bibelstudiums erkannte er, dass er nicht aus eigener Kraft ein gottgefälliges Leben führen konnte. Keine noch so ehrgeizige Enthaltsamkeit oder Selbstquälerei, auch keine noch so moralisch hochwertigen Taten, so Luther, würden dazu führen, dass ein Mensch vor Gott gerecht ist und sich seiner Erlösung gewiss sein kann. Sondern ein reuiger Sünder müsse darauf vertrauen, dass Gott ihm gnädig ist, ihn also gerecht spricht.

Seine Haltung wurde bekannt und führte zum Zerwürfnis mit der papsttreuen Partei innerhalb der Kirche. Am 13. Juni 1525 brach Martin Luther sein Zölibat und heiratete die ehemalige Nonne Katharina von Bora. Mit den sechs eigenen Kindern, mit Verwandten, Angestellten und Studenten lebte das Ehepaar im ehemaligen Schwarzen Kloster in Wittenberg. Luther starb 1546 in seiner Geburtsstadt Eisleben, wo er damals gerade zu tun hatte.

Den ersten Anstoß zur Reformation gab der Ablasshandel. Gläubige konnten sich mit dem Kauf eines sogenannten Ablassbriefes Anteile an einem „Schatz der Kirche“ kaufen. Dahinter stand die Vorstellung, die Heiligen hätten vor Gott überschüssige Verdienste erworben, die auch für das Heil anderer Menschen ausreichten. Dieser Schatz wurde von der Kirche verwaltet und Gläubige konnten sich Anteile daran kaufen – zu ihrem eigenen Heil.

Luther sah im Ablasshandel einen Missbrauch. In seinen 95 Thesen wandte er sich gegen die geschürte Angst vorm Fegefeuer. Der Ablass sei ein Geschäft für die Kirche, aber ohne Wirkung für die Gläubigen. Die Gläubigen sollten lieber Christus „durch Strafen, Tod und Hölle nachzufolgen trachten und dass sie lieber darauf trauen, durch viele Trübsale ins Himmelreich einzugehen, als sich in falscher geistlicher Sicherheit zu beruhigen“ (Thesen 94 und 95). In weiteren Schriften erläuterte Luther seine biblisch begründete Vorstellung von der „Rechtfertigung allein durch den Glauben“ .

Luther wandte sich zunehmend gegen die Autorität des Papstes und der Kirche. Jeder Christ und jede Christin müsse selbst glauben, die Kirche könne ihm oder ihr das nicht abnehmen. Dazu müssten die Menschen die Bibel lesen können, in der von diesem Glauben die Rede sei. Die meisten Bibelausgaben waren auf Latein, auch die Sprache der Priester im Gottesdienst war Latein. Luther übersetzte die Bibel in ein Deutsch, das allgemein verständlich war. Der zeitgleich mit der Reformation aufkommende Buchdruck führte dazu, dass sich Luthers Bibelübersetzung schnell verbreitete. Luthers kräftige und volkstümliche Ausdrucksweise prägt bis heute die deutsche Sprache.

Luther war es besonders wichtig, ein verständliches Deutsch zu verwenden. Er wollte „dem Volk aufs Maul“ schauen. Viele Formulierungen aus seiner Bibelübersetzung werden heute als Sprichwörter verwendet, zum Beispiel „Hochmut kommt vor dem Fall“ (Sprüche 16,18), „Ihr sollt eure Perlen nicht vor die Säue werfen“ (Matthäus 7,6), „ein Herz und eine Seele sein“ (Apostelgeschichte 4,32). Auch die biblische Weihnachtsgeschichte ist nahezu jedem Deutschen so im Ohr, wie sie Luther übersetzt hat: „Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging“ (Lukas 2,1).

Luther führte auch den Gottesdienst in deutscher Sprache ein, schrieb deutsche Lieder und verfasste mit seinen „Katechismen“ wichtige religiöse Lehrbücher auf Deutsch. Auch erneuerten die Reformatoren das Schul- und Universitätswesen. All das prägte die deutsche Kultur.

Damit jeder Christ lesen und die Grundbegriffe des christlichen Glaubens lernen kann, war den Reformatoren daran gelegen, dass möglichst viele Menschen Zugang zu Schulen erhalten. Nach dem Vorbild von Luthers Familie bildete sich auch die Kultur des evangelischen Pfarrhauses. Oft gilt sie als Wiege der geistigen Elite in Deutschland. Gern wird auf berühmte Dichter und Denker verwiesen, die im Pfarrhaus aufgewachsen sind, auf Friedrich Nietzsche und Hermann Hesse zum Beispiel. Außerdem war Luther auch Musiker. Er sang gern und legte auch Wert auf verständliche und geläufige Gesänge im Gottesdienst. Es entwickelte sich eine rege Kirchenmusik. Einer der berühmtesten evangelischen Kirchenmusiker war Johann Sebastian Bach. Auch in der Kunst hinterließ die Reformation ihre Spuren. Ein berühmter evangelischer Maler war Lucas Cranach.

Luther fand mit seinen reformatorischen Impulsen in ganz Europa Gehör und Unterstützung. Viele Freikirchen haben ihre Wurzeln in der Reformation. Die Mennoniten, eine heute sehr aktive Friedenskirche, stammen aus der Täuferbewegung, die Luther damals scharf bekämpfte. Auch in der Schweiz entwickelten sich parallele Zweige der Reformation, angestoßen durch Huldrych Zwingli in Zürich und Johannes Calvin in Genf, die sogenannte Schweizer Reformation. Sie waren nicht in allem mit Luther einig. Strittig war die Deutung des Abendmahls. So entstanden verschiedene Strömungen in der evangelischen Kirche, verschiedene Bekenntnisse: die lutherische, die reformierte und andere Konfessionen.

Für Calvin und Zwingli stand die Predigt und die Auslegung der Bibel im Mittelpunkt. Mehr als Luther legten sie Wert auf die Texte des Alten Testaments, besonders auf die Zehn Gebote. Wegen des Bilderverbots in den Zehn Geboten sind in reformierten Kirchen bis heute fast nie Bilder zu finden. Nach dem Tod Zwinglis arbeitete Calvin daran, die Kirchen der Schweizer Reformation zu einen und die Reformation fortzuführen. Umstritten sind bis heute seine Prädestinationslehre und die strenge Kirchenzucht, die selbst den Besuch des Gottesdienstes verpflichtend machte. Die reformierte Theologie verbreitete sich europaweit: in Frankreich, England, Schottland, den Niederlanden, Polen und Italien. Auch in Deutschland, zum Beispiel in der Kurpfalz und in Teilen Hessens, Brandenburgs und Ostfrieslands. Erst 1648 mit dem Westfälischen Frieden wurde sie als Konfession neben Lutheranern und Katholiken allgemein anerkannt. In der Regel jedoch hatten es Reformierte in lutherischen Gebieten lange Zeit schwer.

Luther bekam die Rückendeckung vieler Fürsten, die nach Unabhängigkeit vom Papst in Rom und vom Kaiser strebten. Sie beauftragten Luther und die Reformatoren, die ihn unterstützten, das eigene Reformprogramm als ein Bekenntnis zu formulieren. So entstand 1530 die Confessio Augustana, das Augsburger Bekenntnis. Doch auch mit diesem Bekenntnis gelang es den streitenden Parteien nicht, eine Einigung in den wesentlichen Streitpunkten zu erzielen. Das hatte natürlich auch politische Gründe. Denn die Reformation brachte den Fürsten auch eine größere Unabhängigkeit von Kaiser und Papst. Es begann eine Zeit blutiger Religionskriege und Unruhen, dazu gehörte auch der Schmalkaldische Krieg.

Die im Augsburger Religionsfrieden 1555 gefundene Lösung prägt bis heute die Verteilung der Konfessionen in Deutschland: „Cuius regio, eius religio“. Übersetzt: „Wessen Land, dessen Religion.“ Gemeint war: Von nun an sollte die Konfession des jeweiligen Fürsten entscheiden, welche Religion in seinem Land gelten sollte. Lutherische Untertanen mussten sich in den altgläubigen Gebieten entweder zum alten Glauben von Kaiser und Papst bekennen – oder in lutherisch regierte Gebiete ausweichen. Ebenso mussten sich Altgläubige in lutherischen Gebieten zu Luthers Reformprogramm bekennen oder ausweichen.

Doch das Machtgefüge unter den Fürsten blieb gefährlich. 1618 brach mit dem Dreißigjährigen Krieg ein weiterer Religionskrieg aus, der schlimmer war als alle vorigen. Erst 1648 endete mit dem Westfälischen Frieden die Epoche der sogenannten Religionskriege in Europa. Im Westfälischen Frieden wurde auch die calvinistisch-reformierte Konfession eingebunden, so dass offiziell nun drei Konfessionen auf die Fürstentümer verteilt waren: die römisch-katholische, die lutherische und die calvinistisch-reformierte.

Weiterführende Inhalte und Links

  • Fragen

    Werden die katholische und die evangelische Kirche irgendwann wieder eine Kirche sein?

    Antwort: Die Kirche zu spalten, war nicht Luthers Ziel. Die Religionskriege und die räumliche Trennung von Protestanten und Katholiken vertieften aber die kulturelle Spaltung, da sich beide Konfessionen getrennt weiterentwickelten. In manchem deuten Protestanten und Katholiken das Christentum bis heute unterschiedlich. Vor allem das Verständnis des Priesteramts ist sehr verschieden. Protestanten erkennen auch das herausgehobene Lehramt des Papstes nicht an. Katholiken erkennen das evangelische Verständnis des Abendmahls nicht an. Auch unterscheiden sich die Vorstellungen, wie die Einheit der Kirche zu erreichen sei.

    Dass evangelische und katholische Christinnen und Christen nicht gemeinsam Abendmahl feiern können, schmerzt viele von ihnen besonders. Beide Kirchen bemühen sich um Verständigung – nicht nur zwischen Protestanten und Katholiken, sondern auch mit Orthodoxen und innerhalb der evangelischen Gemeinschaften. Die evangelischen Kirchen organisieren sich zum Beispiel in der weltweiten ökumenischen Bewegung. Sie sind Mitglieder zahlreicher ökumenischer Zusammenschlüsse.

    Auch vor Ort in Deutschland arbeiten viele evangelische und katholische Gemeinden eng zusammen. Sie feiern gemeinsame Gottesdienste, machen gemeinsame Veranstaltungen und engagieren sich gemeinsam für Frieden, Gerechtigkeit und die Bewahrung der Schöpfung.

  • Diskussion

    Die Reformation hatte Schattenseiten, die nicht verschwiegen werden sollten. Nicht nur vermischten sich politische Interessen mit dem konfessionellen Streit, so dass es zu den sogenannten Religionskriegen mit Millionen von Toten kam. Auch bestärkte Martin Luther die Fürsten darin, hart gegen aufständische Bauern durchzugreifen. Die Bauern hatten die Reformation zum Anlass genommen, sich gegen ausbeuterische Lehensherren zu wehren. Luther aber sah die Ordnung im Land gefährdet und stellte sich auf die Seite der Fürsten.

    Die Reformatoren scheuten nicht davor zurück, radikale Splittergruppen der Reformation, die sogenannten Täufer oder Wiedertäufer, gewaltsam verfolgen zu lassen. Mit dem Prozess „Healing of Memories“ (die Erinnerungen heilen) bemühen sich die evangelischen Kirchen heute darum, die überkommene, oftmals einander abwertende Geschichtsdeutung durch eine gemeinsame Deutung der Geschichte zu ersetzen, in der alle Sichtweisen repräsentiert sind – vor allem auch die der Gewaltopfer.

    Luther wandte sich in seinen letzten Lebensjahren auch immer schärfer gegen die Juden, die er auf übelste Weise beschimpfte. Antisemiten im späten 19. Jahrhundert und vor allem in der Zeit des Nationalsozialismus beriefen sich auf Luthers Schriften. Die Evangelische Kirche in Deutschland hat sich von Luthers antijüdischen Aussagen klar distanziert und auch dementsprechende Denkschriften veröffentlicht. Die evangelischen Landeskirchen sind heute um den jüdisch-christlichen Dialog bemüht. Zunehmend verbreitet sich die Erkenntnis, dass Judentum und Christentum gemeinsame Wurzeln haben. Christen sollten antijüdische Traditionen in ihrer Glaubensgeschichte überwinden.

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