Sünde

Sünde ist der Zustand der Gottesferne.

Das Wort „Sünde“ ist mit dem deutschen Wort „Sund“ verwandt, mit dem ein Abgrund oder ein Graben bezeichnet wird. Sünde bezeichnet – anders als im allgemeinen Sprachgebrauch – weniger einzelne Vergehen als vielmehr eine Haltung: sich gegen Gott wenden, sich von Gott abwenden, sich über Gott erheben wollen. Viele biblische Geschichten versuchen, dies zu verdeutlichen.

Nach traditionell christlicher Deutung erzählt die Bibel gleich zu Beginn mehrfach vom Ursprung der Sünde. Vom Sich-verführen-Lassen erzählt die Paradiesgeschichte. Adam und Eva essen eine Frucht vom Baum der Erkenntnis in der Hoffnung, zu sein „wie Gott“ (1. Mose 3,5). Sie überschreiten eine von Gott gesetzte Grenze und verlieren so das Paradies.

Vom verletzten Stolz erzählt die Geschichte vom Brudermord. Kain neidet seinem Bruder Abel, dass Gott dessen Opfer gnädig ansieht, seines aber nicht. Er ergrimmt und „senkte finster seinen Blick“, heißt es. „Da sprach der Herr zu Kain: Warum ergrimmst du? Und warum senkst du deinen Blick? Ist's nicht so: Wenn du fromm bist, so kannst du frei den Blick erheben. Bist du aber nicht fromm, so lauert die Sünde vor der Tür, und nach dir hat sie Verlangen; du aber herrsche über sie.“ (1. Mose 4,6–7) Kain verliert seine Selbstbeherrschung und tötet seinen Bruder.

Vom Versuch, sich an die Stelle Gottes zu setzen, erzählt die Geschichte vom Turmbau zu Babel. Die Bewohner Babels beschließen in einem Anfall von Hybris: „Wohlauf, lasst uns eine Stadt und einen Turm bauen, dessen Spitze bis an den Himmel reiche, dass wir uns einen Namen machen.“ (1. Mose 11,4) Gott fährt dazwischen, zerstört den Turm und zerstreut die Menschen.

Menschen entfernen sich immer wieder von Gott und versuchen, sich an Gottes Stelle zu setzen. In der Sünde liegt nach christlichem Verständnis auch die Ursache für zwischenmenschliche Zerwürfnisse, für Unrecht, Ungerechtigkeit und Lieblosigkeit.

Geschehenes Unrecht muss nach biblischem Verständnis gesühnt werden. Die Lebenserfahrung zeigt: Dies geschieht zu Lebzeiten oft nicht. Die biblische Antwort darauf: Gott lässt letztlich Gerechtigkeit walten und richtet jeden Menschen nach seinen Taten. So stellt sich jedem Menschen die Frage, ob er mit reinem Gewissen vor Gott leben kann.

Kann ein Mensch vor Gott bestehen? Eine Gottheit mit Opfergaben zu besänftigen, ist keine Lösung für die zwischenmenschlichen Probleme, die aus der Sünde resultieren. Nach Gerechtigkeit zu streben und ein gottgefälliges Leben zu führen, wäre demgegenüber eine naheliegende Lösung. Doch auch sie führt in aller Regel zu neuer Sünde, etwa zu Überheblichkeit der vermeintlich Gerechten gegenüber den Sündern. In dieser Überheblichkeit oder Selbstgerechtigkeit liegt neues Unheil begründet. Oder auch im Schönreden vermeintlicher moralischer Erfolge. Oder schließlich im Leugnen struktureller Verstrickungen – etwa in ein ungerechtes Wirtschaftssystem. Wer hart mit sich ins Gericht geht, wird bemerken: Es kommt einem schnell unmöglich vor, aus eigener Kraft mit völlig reinem Gewissen vor Gott zu leben.

Ein nicht ganz gelungener Versuch, diese Verlorenheit des Menschen drastisch zu beschreiben, ist die Lehre von der sogenannten Erbsünde.

Nach der Lehre der Erbsünde vererbt sich die Sünde seit dem Paradiesesfall von Generation zu Generation. Der Kirchenvater Augustin machte dafür die sexuelle Begierde verantwortlich. Dieses Urteil führte zu einer generellen Verurteilung der Sexualität. Augustins einseitige Argumentation ist nach heutigem Verständnis und Wissen weder haltbar noch hilfreich.

Christinnen und Christen glauben, dass Jesus Christus mit seinem Tod am Kreuz eine Strafe trug, die er nicht verdient hat. Nicht seine Sünde, sondern die der anderen hat ihn ans Kreuz gebracht. Christen sagen: „Christus ist für unsere Schuld gestorben“ – und dieses stellvertretende Leiden ist der Ausgangspunkt für eine Versöhnung Gottes mit den Menschen. Ein Christ sagt: „Erst im Vertrauen darauf, dass Christus bereit ist, sich für mich hinzugeben, und ich mich nicht mehr beweisen muss, entkomme ich der Macht der Sünde. Glaube befreit aus Selbstbezogenheit.“

Für die Reformatoren war es wichtig zu betonen: Gute Taten sind eine Konsequenz des Glaubens. Wer sich nicht mehr um sich selbst dreht, hat ein offenes Herz für andere.

Weiterführende Inhalte und Links

  • Fragen

    Ist das Gerede um die Sünde wirklich nötig?

    Antwort: Ja, weil dies die Realität angemessen beschreibt. Unrealistisch wäre es, die Augen vor dem eigenen Anteil am oft krassen Unrecht in der Welt zu verschließen und so zu tun, als gehe es einen nichts an. Ebenso unrealistisch ist es allerdings auch, wenn man vor der vermeintlichen Übermacht des Unrechts kapituliert. Die christliche Sündenlehre besagt: Ursachen für das menschliche Elend liegen in jedem Menschen selbst, in dem Drang, sich selbst behaupten und durchsetzen zu müssen. Umgekehrt liegt die Lösung in dem Verzicht darauf, selbst und aus eigener Kraft alle Probleme lösen zu können – christlich gesagt: im Gottvertrauen.

    Was sind die schlimmsten Sünden?

    Antwort: Die evangelischen Kirchen führen keine Listen von Sünden und Tugenden. Umgekehrt hilft es aber, sich an Geboten abzuarbeiten, um ein Verständnis für die Problematik der Sünde zu bekommen und das Gewissen zu schärfen. Dafür lernen junge Christen die Zehn Gebote auswendig. Nach evangelischem Verständnis ist jeder Christ letztlich seinem Gewissen vor Gott verpflichtet.

  • Diskussion

    Lange haben viele Christinnen und Christen geglaubt, der einzige Weg, der Sünde zu entfliehen, sei, die sogenannten Begierden des Leibes zu unterdrücken. Dies führte zu einer starken Leibfeindlichkeit im Christentum, zu einer Herabsetzung von Sexualität und Sinnlichkeit – ebenso des Genießens insgesamt. Diese Haltung schuf neues Leid. Theologinnen und Theologen betonen heute, dass die Bibel zu einem überwiegenden Teil Leib und Seele als eine unzertrennliche Einheit ansieht. Eine prinzipiell leibfeindliche Theologie entspricht also gerade nicht der Tradition, auf die sich die Theologie beruft.

  • Links