Zweifel

Zweifeln bedeutet, ernste Fragen an den eigenen Glauben zu stellen.

Zweifel gehören zum Glauben dazu. Es gibt unterschiedliche Arten von Zweifel. Man kann zum Beispiel auf intellektueller Ebene am christlichen Glauben zweifeln, ihn als Ganzes oder bestimmte Aspekte missbilligen oder ablehnen. Auch mitten im Glauben kann man zweifeln: Plötzlich droht einem alles, an das man vorher geglaubt hat, wegzubrechen. Man zweifelt: Was ist nun mit dem Versprechen Gottes, mich zu erretten und zu erlösen? Ist Gott überhaupt noch auf meiner Seite? Luther hat diese Erfahrung „Anfechtung“ genannt. Für Menschen in Anfechtung ist plötzlich alles grundlos und nichtig, sie zweifeln am Leben an sich. Eine schlimme Erfahrung, denn mit dem Glauben bricht etwas weg, das tiefer gegangen ist, als es intellektuelle Überlegungen können.

In der Bibel gibt es viele Geschichten über Zweifel und darüber, wie Menschen damit umgehen. In den Psalmen klagen Menschen zu Gott, sie schreien ihr Leid einfach heraus, wie zum Beispiel in Psalm 22.

In den Psalmen streiten Menschen auch mit Gott und erinnern ihn an sein Versprechen, ihnen selbst und dem Volk Israel die Treue zu halten: „Unsere Väter hofften auf dich; und da sie hofften, halfst du ihnen heraus.“ (Ps 22,5) Sie vertrauen darauf, dass Gott sich an seine Treue hält. Aus diesem Vertrauen heraus können sie mitten in ihrer Klage sagen: „Du hast mich erhört! Ich will deinen Namen kundtun meinen Brüdern, ich will dich in der Gemeinde rühmen.“ (Ps 22,22–23) Als ob sie mit ihren Worten Gott selbst bewegen könnten.

 

Das biblische Buch Hiob ist ein ganzes Buch über Zweifel. Es erzählt von Hiob, den ein Schicksalsschlag nach dem anderen trifft.

Hiob hadert in ganz besonderer Weise mit Gott. Hiob klagt Gott nicht nur sein Leid, er verflucht Gott regelrecht (Hi 3,3) und gibt sich nicht mit einem Gebet zufrieden. Er möchte Gott von Angesicht zu Angesicht sehen. Als Gott ihm erschienen ist, sind seine Zweifel ausgeräumt, er bekennt: „Ich hatte von dir nur vom Hörensagen vernommen; aber nun hat mein Auge dich gesehen. Darum spreche ich mich schuldig und tue Buße in Staub und Asche.“ (Hi 42, 5-6) Das Buch endet damit, dass Gott Hiobs Leben segnet. Er gibt ihm doppelt so viel, wie er zuvor besessen hat, und schenkt ihm viele Kinder und Enkel (Hi 42,10ff).

Auch Petrus wird im Neuen Testament von einem großen Moment des Zweifels ergriffen. 

Petrus ist fest davon überzeugt, dass sein Glaube groß genug ist, um wie Jesus auf dem Wasser gehen zu können. Als er aber den starken Sturm und die Wellen sieht, bekommt er Angst und droht zu sinken (Mt 14,30). Auch Petrus schreit seine Angst heraus. Er ruft zu Jesus: „Herr, hilf mir!“, als er in den Wellen des Sees zu versinken droht (Mt 14,30). Er ergreift die Hand, die Jesus ihm reicht.

Die ganze Ambivalenz von Zweifeln, die abgrundtiefe Erschütterung, aber auch das gleichzeitige Festhalten-Wollen am Glauben bringt schließlich ein Satz im Neuen Testament auf den Punkt: Ein Vater, dessen Sohn schwer erkrankt ist, schreit zu Jesus: „Ich glaube; hilf meinem Unglauben!“ 

Weiterführende Inhalte und Links

  • Fragen

    Wie kann man Zweifel überwinden?

    Antwort: Von großen Zweifeln geplagt war Martin Luther. „Wie bekomme ich einen gerechten Gott?“, hat er gefragt. So sehr er sich auch anstrengte, ein gottgefälliges Leben zu führen, die Angst vor dem Teufel ließ ihn nicht los. Er hat seine Zweifel überwunden, indem er die Bibel gelesen hat. Er hat Texte in der Bibel gefunden, die ihm in seiner Situation weitergeholfen haben, zum Beispiel den Römerbrief. Darin fand Luther den Satz: „Der Gerechte wird aus Glauben leben“. (Röm 1,17) Von nun an wusste er, dass die Tatsache, dass er glaubte, ausreichte, um von Gott geliebt zu werden. Er brauchte nichts anderes zu tun, als aus diesem Glauben heraus zu leben.

    Manchmal reicht aber das Lesen in der Bibel allein nicht aus, oder die Fragen, die man hat, werden in der Bibel nicht beantwortet. Man braucht Menschen, mit denen man über seine Zweifel reden kann. Das können Freunde oder Verwandte sein, man kann aber auch seine Pfarrerin oder seinen Pfarrer um Hilfe bitten. Die meisten werden sich gerne Zeit nehmen, wenn man sie fragt. Oder sie werden einem andere gute Ansprechpartner nennen.

    Warum lässt Gott das Leid zu?

    Antwort: Christinnen und Christen glauben nicht an einen Gott, der von vornherein eine perfekte Welt geschaffen hat, die sich gar nicht mehr verändert. Sie glauben, dass Gott den Menschen die Freiheit geschenkt hat zu entscheiden, wie sie leben möchten. Weil die Menschen aber von Anfang an den Hang dazu haben, das Falsche zu tun, bedürfen sie der Barmherzigkeit und der Gnade Gottes. Gott schaut dabei nicht tatenlos zu. Er gibt den Menschen Regeln und Weisungen. Und wenn sie sich nicht an diese Regeln halten – was ständig passiert –, gibt er ihnen wieder die Chance, es beim nächsten Mal besser zu machen.

    Heute betonen Theologinnen und Theologen immer häufiger, dass die gesamte Schöpfung ein Prozess ist. Alle Eigenschaften, die Gott zugewiesen werden – wie Allmacht, Allgegenwart und Güte, also auch die Macht, das Leid zu beseitigen – sind da, sie müssen sich in der Welt aber erst durchsetzen. Solange das so ist, steht fest, dass Gott auf der Seite derer steht, die leiden. Das hat er gezeigt, als Jesus am Kreuz gestorben ist. Gott hat ihn von den Toten auferweckt. Gott leidet mit und lässt Menschen in ihrem Leid nicht alleine.

    Die Frage, warum es Leid in der Welt gibt, stellen sich Menschen, seitdem es den christlichen Glauben gibt. Sie wird auch Theodizee-Frage genannt. Das Wort „Theodizee“ setzt sich aus den griechischen Worten theós und díkē zusammen, die für „Gott“ und „Gerechtigkeit“ stehen. Es gab in der Geschichte noch weitere Antworten auf die Theodizee-Frage.

    Manche Theologinnen und Theologen sagen, dass man die Theodizee-Frage gar nicht stellen sollte, weil es den Menschen nicht zusteht, über Gottes Werk zu urteilen. Andere, wie Martin Luther, sagen, dass die Menschen alles erfahren werden, wenn sie nach der Auferstehung letztendlich bei Gott sein werden und wenn Gott seine Schöpfung vollendet. Luther sagt: Es gibt eine dunkle Seite Gottes, die Menschen nicht entschlüsseln können, die sich aber am Ende offenbaren wird. Es gibt auch die Vorstellung, dass die Menschen zunächst einen Prozess der Reifung durchlaufen müssen, bevor sie erlöst werden können. Diese Vorstellung geht auf Irenäus von Lyon zurück, der im zweiten Jahrhundert nach Christus gelebt hat.

     

  • Diskussion

    Der Zweite Weltkrieg und die Ermordung von sechs Millionen Juden in den Konzentrationslagern hat Theologen und Philosophen gründlich zum Nachdenken gebracht. Unter der Leitfrage „Wo war Gott in Auschwitz?“ diskutierten sie, ob man nach dem Massenmord an den europäischen Juden überhaupt noch an Gott glauben könne.

    Der jüdische Philosoph Hans Jonas (1903–1993) antwortete auf die Frage, warum Gott in Auschwitz nicht eingegriffen habe: Es war nicht so, dass er nicht eingreifen wollte, er konnte nicht. Für Jonas stand fest, dass Gott seine Allmacht mit der Erschaffung der Welt abgegeben hat. Er bezog sich auf die jüdische Kabbala, also die jüdische Mystik, nach der Gott im Akt der Schöpfung aus Liebe ganz aus sich herausging, um sich dann ganz in sich zurückzuziehen (die Lehre des „Zimzum“).  Jonas sagte, dass Gott nicht mit starkem Arm in den Lauf der Welt eingreift, wie es zum Beispiel die Geschichte des Exodus erzählt, sondern mit dem „stummen Werben“ um ein „unerfülltes Ziel“. Es ist an den Menschen, dieses Ziel zu verwirklichen.

    Die evangelische Theologin Dorothee Sölle (1929–2003) ging in eine ähnliche Richtung, als sie sagte, dass Gott nicht allmächtig ist, es sei denn in seiner Liebe. Die könne aber nur von den Menschen gelebt werden. Gott leidet, wo diese Liebe nicht erwidert wird, er war in Auschwitz präsent, zum Beispiel in einem kleinen Jungen, der am Galgen hing. Der evangelische Theologe Jürgen Moltmann (geboren 1926) schließlich schreibt in seinem Buch „Der gekreuzigte Gott“ darüber, dass Gott ein Gott ist, der mitleidet. Er ist mit Jesus Christus am Kreuz gestorben und war so auch bei allen Opfern in Auschwitz. Gott war auf dreifache Weise da: im „Schmerz des Vaters“, der „Hingabe des Sohnes“ und der „Kraft des Heiligen Geistes“. Gott zeigt sich als Dreieinigkeit, darin liegt für Moltmann zugleich das Ziel: Die Verwandlung des Schmerzes in ewige Freude bei der Auferweckung der Ermordeten und Vergasten.

  • Links