Gerechtigkeit

Göttliche Gerechtigkeit ist erreicht, wenn alle das bekommen, was sie brauchen.

Gerechtigkeit ist bei Gott mehr als eine ausgewogene Rechtsprechung. Es geht darum, dass alle Geschöpfe zu ihrem Recht kommen. Dabei kommt es zum Beispiel nicht darauf an, dass der, der mehr tut, auch mehr bekommt. Es geht um die Güte Gottes. Sie ist radikal, sie macht keinen Unterschied. Bei Gott ist zum Beispiel egal, ob man als Erstes kommt und viel arbeitet oder ob man der Letzte ist und weniger arbeitet als die anderen. Das ist die Pointe des Gleichnisses von den Arbeitern im Weinberg (Mt 20,1–16): Alle bekommen so viel, wie sie brauchen. Dass alle so viel bekommen, wie sie brauchen, ist die Bedingung für Frieden und ein Merkmal von Gottes Reich.

Damit Gottes Gerechtigkeit Wirklichkeit wird, gibt Gott den Menschen Gebote und schließt einen Bund mit dem Volk Israel, so erzählt es das Alte Testament. Dass Gott seinen Bund nicht bricht, obwohl die Menschen seine Gebote übertreten, ist Zeichen seiner Gerechtigkeit, die über ein menschliches Maß hinausgeht (Ps 7,18; Ps 40,11Ps 71,16–19). Die Bibel erzählt auch von der Verzweiflung darüber, dass sich Gottes Gerechtigkeit nicht durchsetzt. Im Buch Prediger ist der Schreiber resigniert. Er stellt fest: Es gibt die Gerechtigkeit Gottes, aber sie ist „unter der Sonne“ nicht erkennbar. Hiob, von dessen Schicksal ein ganzes Buch im Alten Testament berichtet, macht die Erfahrung, dass er sich um Gott bemüht, es sich aber nicht lohnt. Im Matthäusevangelium schließlich wird klar, dass die Menschen Gerechtigkeit auf der Welt schmerzlich vermissen. In den sogenannten Seligpreisungen sagt Jesus: „Selig sind, die da hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit; denn sie sollen satt werden.“ (Mt 5,6)

Die Gerechtigkeit, von der die Bibel spricht, ist eine Gerechtigkeit, die Gott schafft und die in seinem Reich Wirklichkeit wird. Da das Reich Gottes noch nicht vollständig ist, kann die Gerechtigkeit nur als ein Prozess gesehen werden. Das wird bei Paulus deutlich: Gerechtigkeit ist keine Eigenschaft Gottes, sondern ein Handeln Gottes, das die Menschen gerecht macht. Der Glaube gibt den Menschen Zugang zu diesem Handeln Gottes. Der Glaube ist auch die einzige Bedingung dafür, damit die Gerechtigkeit Wirklichkeit wird. Paulus zitiert den Propheten Habakuk: „Der Gerechte wird aus Glauben leben.“ (Röm 1,17)

Im Glauben kann der Mensch anderen Menschen gegenüber Gerechtigkeit üben. Dabei geht es nicht darum, vor Gott gerecht zu sein oder von ihm geliebt zu werden, sondern darum, dass der Mensch sich von Gott gerecht gemacht und geliebt weiß. Das bedeutet, dass Christinnen und Christen darauf vertrauen, dass Gott sie als Menschen annimmt und etwas mit ihnen vorhat. Sie leben von der Zukunft, die Gott ihnen verheißen hat: „Nun aber, da ihr von der Sünde frei und Gottes Knechte geworden seid, habt ihr darin eure Frucht, dass ihr heilig werdet; das Ende aber ist das ewige Leben.“ (Röm 6,22).

Weiterführende Inhalte und Links

  • Fragen

    Was tut die Kirche für die Gerechtigkeit in der Welt?

    Antwort: Die Diakonie Deutschland setzt sich als Wohlfahrtsverband der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) für Gerechtigkeit innerhalb von Deutschland ein. Mit "Brot für die Welt" hat die EKD ein eigenes großes Hilfswerk, das auf der ganzen Welt tätig ist. Mit zahlreichen Initiativen und Programmen kämpft "Brot für die Welt" gegen Hunger, Elend und Not. Das Hilfswerk unterstützt besonders Arme darin, ein selbstbestimmtes Leben führen zu können. Deswegen sorgt "Brot für die Welt" unter anderem dafür, dass besonders benachteiligte Gruppen wie Kinder, Jugendliche und Frauen Zugang zu Bildung bekommen. Außerdem ist es ein Ziel des Hilfswerks, dass alle Menschen sauberes Trinkwasser und eine Gesundheitsversorgung haben.

    Mit seinen Programmen und Projekten kämpft "Brot für die Welt" zudem für Menschenrechte und Frieden, um auch die gesellschaftlichen Bedingungen für Gerechtigkeit zu schaffen. Über die konkrete Hilfsarbeit ihrer Organisationen und Werke hinaus bringt sich die EKD in politische Debatten ein und arbeitet auf internationaler Ebene zum Beispiel im Ökumenischen Rat der Kirchen sowie im Lutherischen Weltbund und im Reformierten Weltbund. Der politische Schlüssel für Gerechtigkeit liegt nach Meinung der EKD in der Stärkung der Vereinten Nationen und einer funktionierenden „Global Governance“, also einem Engagement, das über die Interessen von Nationalstaaten und Staatenverbünden hinausgeht: Internationale Politik dürfe sich nicht nur nach einzelnen Nationalstaaten oder Staatengruppen wie den G8 und G20 richten. Die Zivilgesellschaft und Nichtregierungsorganisationen müssten stärker in globale Entscheidungen einbezogen werden.

    Was tut die Kirche gegen die wachsende Ungleichheit von Arm und Reich in Deutschland?

    Antwort: Die Kirche setzt sich für gerechte Teilhabe ein. Gerechte Teilhabe meint, dass nicht nur alle Menschen in materieller Hinsicht genug zum Leben haben, sondern dass alle Menschen auch am Leben und an der Gestaltung der Gesellschaft beteiligt werden und Anerkennung finden. Die biblische Grundlage dafür ist das Bild, dass der Leib Christi viele Glieder hat und jeder Mensch unverwechselbare Gaben und Fähigkeiten.

    In der gegenwärtigen Gesellschaft sieht die Kirche die besondere Notwendigkeit, die sozialen Sicherungssysteme zu stärken, die dafür sorgen, dass arme Menschen zunächst einmal Geld für Essen, ein Dach über dem Kopf und Zugang zur Gesundheitsversorgung haben. Des Weiteren sieht die Kirche in der Verbesserung der Bildung für arme und benachteiligte Menschen den Schlüssel, um deren Chancen auf dem Arbeitsmarkt zu erhöhen. Schließlich arbeitet die Kirche an einem sozial- und wirtschaftspolitischen Leitbild, um das Leben in der Gesellschaft langfristig zu verändern. Vor allem diejenigen müssen Verantwortung übernehmen, die bisher von der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklung profitiert haben. Für die Entwicklung eines solchen Leitbildes arbeitet die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) zum Beispiel mit der Deutschen Bischofskonferenz der katholischen Kirche zusammen. So sind zehn ökumenische Thesen entstanden, die die Menschen in Deutschland aufrufen, gemeinsam Verantwortung für eine gerechte Gesellschaft zu übernehmen.

    Die zehn Thesen

    1. Gemeinsame Verantwortung heißt, wirtschaftliches Wachstum in den Dienst für den Menschen zu stellen.
    2. Gemeinsame Verantwortung heißt, die soziale Marktwirtschaft nachhaltig weiterzuentwickeln.
    3. Gemeinsame Verantwortung heißt, ordnungspolitische und ethische Maßstäbe für die Wirtschaft zu erneuern.
    4. Gemeinsame Verantwortung heißt, die Staatsfinanzen zu konsolidieren.
    5. Gemeinsame Verantwortung heißt, ökologische Nachhaltigkeit in Lebens- und Wirtschaftsstilen zu verankern.
    6. Gemeinsame Verantwortung heißt, die mit dem demografischen Wandel einhergehenden sozialen Belastungen gerecht zu verteilen.
    7. Gemeinsame Verantwortung heißt, durch Inklusion und Partizipation zur Chancengerechtigkeit beizutragen.
    8. Gemeinsame Verantwortung heißt, eine breite Beteiligung an Erwerbsarbeit als wichtigen Ausdruck gesellschaftlicher Teilhabe zu ermöglichen.
    9. Gemeinsame Verantwortung heißt, durch Bildung die persönliche Entwicklung und den gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Fortschritt zu fördern.
    10. Gemeinsame Verantwortung heißt, an der Gestaltung einer europäischen Solidaritäts- und Verantwortungsgemeinschaft mitzuwirken.


    Der EKD ist bei ihrem Einsatz für Gerechtigkeit in der Gesellschaft ein Aspekt jedoch deutlich bewusst: Auch im kirchlichen Leben, in den Gottesdiensten und in den Kirchengemeinden, finden Ärmere oft keinen Platz. Die Kirche ist vor allem ein Ort für Gutsituierte, an dem arme Menschen auf viele verschiedene Arten und Weisen ausgrenzt werden: zum Beispiel durch einen bestimmten „gutbürgerlichen“ Habitus und den intellektuellen Anspruch der Predigten. Die Distanz unter den verschiedenen gesellschaftlichen Schichten schlägt sich auch in den Kirchengemeinden nieder. So kann es dazu kommen, dass Christinnen und Christen in ihren Gemeinden durch abwertende Blicke und Gesten ärmere Menschen spüren lassen, dass sie nicht willkommen sind. Deswegen hält sich die EKD selbst immer wieder ihren eigenen Anspruch vor Augen: „Eine Kirche, die auf das Einfordern von Gerechtigkeit verzichtet, deren Mitglieder keine Barmherzigkeit üben und die sich nicht mehr den Armen öffnet oder ihnen gar Teilhabemöglichkeiten verwehrt, ist – bei allem möglichen äußeren Erfolg und der Anerkennung in der Gesellschaft – nicht die Kirche Jesu Christi.“ 

  • Diskussion

    Als die Vereinten Nationen am 10. Dezember 1948 die „Allgemeine Erklärung der Menschenrechte“ verabschiedeten, war das ein Meilenstein auf dem Weg zur Achtung der Würde und Freiheit von Menschen auf der ganzen Welt. Die Menschenrechte fordern vieles von dem ein, wofür die christlichen Kirchen stehen. Umso erstaunlicher ist es, dass die Kirchen eine Zeit lang gebraucht haben, um sich an dem politischen Durchsetzungsprozess der Menschenrechte zu beteiligen. Das hatte historische Gründe: Überall, wo auf politischer Ebene an der Konzeption von Menschenrechten gearbeitet wurde, stand unter anderem die „Déclaration des Droits de l’Homme et du Citoyen“ der Französischen Revolution von 1789 im Hintergrund. Da sich die Französische Revolution auch und gerade gegen die Kirchen wandte, machte das alle Menschenrechtsentwürfe für die Kirchen zunächst einmal verdächtig.

    Doch die beiden Weltkriege haben in den Kirchen zum Umdenken geführt: Sie haben erkannt, dass auch der christliche Glaube nicht verhindern kann, dass Menschen einander entsetzliches Leid zufügen. Nach dem Zweiten Weltkrieg war die Bereitschaft da, über den christlichen Glauben hinaus nach Allianzen zu suchen, um für Frieden und Gerechtigkeit in der Welt zu sorgen. Heute zählen die großen Kirchen und der Ökumenische Rat der Kirchen zu den größten Unterstützern und Förderern der Menschenrechte. Zunächst lag ihr Fokus auf der Durchsetzung des Rechtes auf Religionsfreiheit, später jedoch kam vor allem der Einsatz für die Sozialrechte hinzu. Die Menschenrechte nehmen ein wichtiges Fundament des christlichen Glaubens auf, das maßgeblich durch den Theologen Augustinus geprägt worden war, der im vierten Jahrhundert gelebt und gesagt hat: Weil die Menschen zum Ebenbild Gottes geschaffen wurden, kommt jedem Menschen eine besondere Würde zu.

  • Links

    Video zum Thema Gerechtigkeit:
    https://www.youtube.com/watch?list=PL_o6WQIFKJHU0zbW4uKU0Ulo1tCMcruph&v=5S4CX4DRwHM
    Für eine Zukunft in Solidarität und Gerechtigkeit, Wort des Rates der EKD und der Deutschen Bischofskonferenz zur wirtschaftlichen und sozialen Lage in Deutschland:
    http://www.ekd.de/EKD-Texte/44676.html
    Themenseite „Gerechtigkeit“ auf reformiert.de:
    http://www.reformiert.de/gerechtigkeit.html
    Website von „Brot für die Welt“:
    http://www.brot-fuer-die-welt.de/
    Lexikonartikel zur Gerechtigkeit Gottes:
    https://www.bibelwissenschaft.de/stichwort/59496/
    Lexikonartikel zur Bildungsgerechtigkeit:
    https://www.bibelwissenschaft.de/stichwort/100090/