Wahrheit

Wahrheit bedeutet, dass man sich auf etwas verlassen kann.

Das hebräische Wort für „Wahrheit“ im Alten Testament kommt von demselben Wort wie die Wörter für „Glaube“ und „Treue“. Wahrheit im biblischen Sinne bedeutet also nicht, dass eine Aussage mit der Wirklichkeit übereinstimmt, sondern man kann sich darauf verlassen. Sie hat Bestand und der, der etwas sagt, ist treu. Wahrheit ist das, was Menschen meinen, wenn sie jemanden als „wahren Freund“ bezeichnen oder sagen, dass jemand ein „wahres Wort“ gesprochen habe.

Im Glauben gehen Christinnen und Christen über das unmittelbar Wirkliche hinaus. Zuverlässig, beständig und treu ist für Christinnen und Christen Gott (Röm 3,3–7). Er ist derjenige, „der da ist, der da war und der da kommt“. (Offb 1,8) Weil Gott selbst in Jesus Christus auf die Welt gekommen ist, können Christinnen und Christen auch sagen, dass Jesus Christus die Wahrheit ist (Joh 14,6). Auch eine Botschaft von Gott kann als Wahrheit angenommen werden, wenn sie die Liebe Gottes, die Menschen aus Schuld und Tod errettet, bezeugt. Wenn Christinnen und Christen im Gebet und im Gottesdienst diese Wahrheit für sich annehmen, bestätigen sie das mit dem Wort „Amen“. Das bedeutet „Ja, so ist es“ oder „Ja, so sei es“.

Weil aber der Glaube das unmittelbar Wirkliche überschreitet, kann Wahrheit immer nur als Wahrheitsanspruch gemeint sein. Das, was Christinnen und Christen aus ihrem Glauben heraus sagen, bleibt bestreitbar. Der Theologe Wolfhart Pannenberg bezeichnet deswegen beispielsweise die Aussagen von Christinnen und Christen über das zukünftige Reich Gottes als „Hypothese“ und warnt: Alle, die ihre Erkenntnis Gottes als schon vollkommen bezeichnen, die nicht davon ausgehen, dass ihre Erkenntnis erweiterbar und fortschreitend ist, sollten ihre Aussagen überdenken.

Weiterführende Inhalte und Links

  • Fragen

    Wie erfahren Christinnen und Christen, dass das, was sie glauben, wahr ist?

    Antwort: Es gibt auf intellektueller Ebene keinen Grund, warum die christliche Religion die Wahrheit sein sollte. Es gibt im Glauben nichts, was überprüfbar oder belegbar wäre. Christinnen und Christen erfahren ihren Glauben als Wahrheit, weil er ihnen Halt gibt und einen Grund, auf dem sie aufbauen können. Zum Beispiel dann, wenn sie einen verstorbenen Menschen Gott anvertrauen und Wege aus der Trauer finden, weil sie wissen, dass Gott für ihn sorgt; wenn sie sich im Vertrauen auf Gottes Liebe für andere Menschen einsetzen; wenn sie im Vertrauen darauf, dass Gott in der Welt wirkt, die ersten Schritte hin zu Versöhnung und Frieden wagen.

    Worte aus den alten Bekenntnissen und Lehrschriften machen deutlich, was es bedeuten kann, im Glauben einen Halt und einen Grund für sein Leben zu finden. Gott ist jemand, an den man „sein Herz hängt“, so sagt es Luther im Kleinen Katechismus: „Woran du dein Herz hängst, das ist dein Gott.“ Oder wie es die erste Frage des Heidelberger Katechismus formuliert: „Was ist dein einziger Trost im Leben und im Sterben? Dass ich mit Leib und Seele im Leben und im Sterben nicht mir, sondern meinem getreuen Heiland Jesus Christus gehöre.“ In den Momenten, in denen aus dem Glauben eine tief empfundene Gewissheit wird, wird Glaube zur Wahrheit für das eigene Leben.

    Wie können unterschiedliche Religionen friedlich zusammenleben?

    Antwort: Nicht nur im Christentum hat der Glaube eine existenzielle Bedeutung für das Leben von Menschen. Dass der eigene Glaube „die Wahrheit“ ist, sagen zum Beispiel auch Jüdinnen und Juden oder Musliminnen und Muslime. Wer glaubt, weiß, wie wichtig anderen Menschen ihr Glaube sein kann. Viele Christinnen und Christen setzen sich deshalb für den interreligiösen Dialog ein.

    Wahrheit im eigenen Glauben zu finden bedeutet für sie nicht, anderen die Wahrheit abzusprechen. Menschen, die sich für interreligiösen Dialog engagieren, wollen voneinander lernen und sich gegenseitig tolerieren. Sie suchen deshalb nach Gemeinsamkeiten – in Islam, Judentum und Christentum, aber auch die Unterschiede kommen zur Sprache. Ein Grundsatz des interreligiösen Dialogs ist es, dass niemand zu einem bestimmten Glauben gezwungen werden kann und darf. Es geht im interreligiösen Dialog also nicht darum, welcher Glaube der wahre Glaube ist, sondern darum, sich gegenseitig besser zu verstehen und einander zu respektieren. Es geht auch darum anzuerkennen, dass niemand allein die Wahrheit haben kann, so wie ja auch niemand fehlerfrei nach den Grundsätzen der eigenen Religion zu leben vermag. Das gilt für alle Menschen.

    Der interreligiöse Dialog trägt dazu bei, dass Menschen friedlich miteinander leben, egal welcher Religion sie angehören. Sie lernen die anderen Religionen kennen und können deshalb Vorurteile verlieren. So ist es möglich, gemeinsame Werte zu entdecken und auch gemeinsam in der Welt für Frieden sorgen zu können. Ganz konkret wird interreligiöser Dialog, wenn zum Beispiel Christen, Juden und Muslime gemeinsam für den Frieden beten oder wenn Kinder unterschiedlicher Religionen in evangelischen Kindergärten und Schulen lernen, einander offen zu begegnen. Auch in der Nachbarschaft und in Vereinen ist es gut, wenn interreligiöser Dialog entsteht.

  • Diskussion

    Es gibt unter Christen, vereinzelt auch innerhalb der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), unterschiedliche Meinungen, wie „Wahrheit“ zu verstehen ist. In den Diskussionen geht es häufig um einen Satz, den Jesus sagte: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben, niemand kommt zum Vater denn durch mich“ (Joh 14,6). Manche Christinnen und Christen nehmen diesen Satz als Argument dafür, dass diejenigen, die nicht an Christus glauben, nicht im Besitz der Wahrheit sind und nicht zu Gott kommen können. Besonders konservative Christinnen und Christen und solche, die die Bibel wörtlich nehmen, vertreten diese Auffassung.

    Die EKD stellt sich dieser Interpretation des Satzes entschieden entgegen. Das, was Christinnen und Christen von ihrem Glauben sagen, und das, was christliche Kirchen über den Glauben lehren, kann immer nur ein Zeugnis von der Wahrheit sein und nie die Wahrheit selbst. Das bedeutet, dass niemand ganz über die Wahrheit verfügen und sie anderen vorschreiben kann. Deswegen kann man andere Menschen auch nicht um der Wahrheit willen in die Gemeinschaft der Glaubenden hineinnötigen. Religion ist Sache freier Zustimmung und eigener Einsicht. Selbst dort, wo Menschen überwältigende Erfahrungen in ihrem Glauben machen, sind diese Erfahrungen kein Grund, sie für andere zum Maßstab zu machen. Sie können andere dazu ermutigen, eine eigene Antwort zu finden.

    Der Satz „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben“ ist daher nicht Ausdruck eines Absolutheitsanspruches. Vielmehr lässt der Satz erkennen, dass Wahrheit mit einem „Weg“ zu tun hat und mit dem, was Christinnen und Christen „Leben“ nennen. Das ist ein Leben, in dem Menschen sich nicht selbst zum Maßstab machen, sondern sich im Vertrauen auf Gott auf den Weg zu anderen Menschen machen, besonders zu denen, die ihren Beistand, Trost und Hilfe brauchen. Dabei dürfen sie nicht vergessen, dass der Weg, von dem Jesu in dem Bibelvers spricht, ihn nicht direkt in den Himmel geführt hat, sondern ans Kreuz. Dementsprechend kann auch die Wahrheit nur im Verzicht auf Macht gesucht werden.

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